Was hätte meine Urgroßmutter über das Jahr 2022 gedacht ?

Die letzten Wochen haben mich immer wieder Demut und Dankbarkeit über mein Leben fühlen lassen. Ich lebe in einem Land, in dem alles im Überfluss vorhanden ist, in dem der Staat sich für sämtliche Lebensrisiken seiner Bürger verantwortlich fühlt und in einem Land, in dem die freie Meinungsäußerung selbstverständlich ist.
Was hätte meine Urgroßmutter über mein Leben gedacht und die Umstände, unter denen ich leben kann? Wie hätte sie den Überfluss an Lebensmitteln bewertet und die Tatsache, dass viele Tonnen an Lebensmitteln in Deutschland weggeworfen werden? Was hätte sie gedacht über das Leben im Überfluss und dann trotzdem nicht teilen wollen?

Jeder von uns kann sich entscheiden, ob er selbst kochen möchte, sich sein Essen bestellt oder essen geht. Meine Herausforderung ist die tägliche Entscheidung über das, was wir essen und kochen wollen – die Herausforderung meiner Urgroßmutter war es, ob sie ausreichend zu essen für ihre Familie hatte. Es war für sie eine große Mühe ihre Kinder gesund durch die Kriegsjahre zu bekommen. Nicht zuletzt deswegen waren Hunger und Krankheiten ständige Herausforderungen für Ihre Generation.

Meine Urgroßeltern: die Eltern meines Großvaters (links) und die Eltern meiner Großmutter (rechts). Foto: K. Schmit

Work-Life-Balance

Heute ist die Herausforderung sich über die Impfungen seiner Kinder Gedanken zu machen oder aber das Für und Wider von Impfungen zu kommunizieren. Meine Urgroßmutter hatte einen 10 Stunden-Arbeits-Tag, lebte auf dem Land und von Work-Life-Balance und einer 38,5-Stunden-Woche konnte sie nur träumen. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 52 Jahre, bei Männern 47 Jahre.
Was hätte sie darüber gedacht, dass wir heute unsere Wäsche waschen und vielleicht sogar auch trocknen, ohne uns dabei noch die Hände schmutzig zu machen? Was hätte sie für Gedanken zur Geschirrspülmaschine und einer zentralen Heizung gehabt? Sie wäre sicher begeistert gewesen, dass mein Leben heute so viel einfacher geworden ist, im Verhältnis zu ihren elementaren Herausforderungen und Unbequemlichkeiten.

In der Lebenszeit meiner Urgroßmutter verfügten nur 8% der Haushalte über ein Telefon. Heute hat jeder über Telefon, Handy oder das Internet Tag und Nacht die Möglichkeit mit seinen Mitmenschen in aller Welt zu kommunizieren. Durch das Internet kann sich jeder über alles sofort informieren. Deshalb ist es doppelt traurig, dass scheinbar mehr und mehr das Gegenteil eintritt, die Menschen reden immer weniger miteinander. Durch die Verbreitung der Internetanschlüsse träumt heute die Generation Z von einer YouTube Karriere. Eine Karriere, die daraus besteht, anderen zu zeigen was man liebt, sein essen zu fotografieren und mitzubestimmen was angesagt ist und den Zeitgeist prägt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie darin einen Sinn gesehen oder es als Unsinn abgetan hätte.

Spaziergang in der Umgebung meines Elternhauses: Natur pur. Foto: N. Gatz

Überfluss und Selbstfindung

Was würde sie über die zerstörte Umwelt und die Bemühungen von Greta Thunberg und Co. Denken? Die Sehnsucht nach Natur, einer intakten Umwelt und der Drang zur Selbstverwirklichung würden sie sicher nachdenklich stimmen. Eine lange Lebenserwartung, ausreichende gute Ernährung, Überfluss und Selbstfindung und immer noch nicht zufrieden? Jederzeit ein schneller Zugriff auf Nahrung und das wenn gewünscht, ohne wirklich kochen zu müssen, die Wäsche zu reinigen, ohne wirklich waschen zu müssen, Geschirr säubern, ohne nass zu werden, ein Gesundheitswesen für Alle…

Sie wäre mit Sicherheit irritiert, dass trotz der beschriebenen Annehmlichkeiten und der fast grenzenlosen Möglichkeiten die Menschen nicht zufrieden, glücklich und dankbar sind.  Eine Dankbarkeit mit Verpflichtung zum Handeln. Nicht nur zu nehmen, sondern auch zurückzugeben. Eine eigentlich unberechtigte Anspruchshaltung zu verändern zu: was kann ich vielleicht für andere tun? Wirklich zu erkennen was für Gunst wir haben in dieser Zeit zu leben und die dabei eine Verpflichtung spüren das Richtige zu tun.

Nicole Gatz
Pflegedienstleitung bei Hilfe Daheim

Ein Kommentar

  1. Immer wieder vielen Dank für die tiefsinnigen nachdenklich stimmenden Zeilen – aber keineswegs mit hoffnungslosem Charakter. Ich freue mich auf jede neue Ausgabe Eures Newsletters – wobei dieser Begriff bei Euch zu deplatziert ist. Es handelt sich hier vielmehr um einen Lebensletter.

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