#Risikogruppe – Menschen hinter den Zahlen

Mir ist es eine echte Herzensangelegenheit mit diesem Blog einer Patientengruppe, die das Thema COVID-19 besonders betrifft, Raum zu geben und nachzuvollziehen, wie die Pandemie ihr Leben beeinflusst. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass einige Menschen entweder den Sinn der Schutzmaßnahmen nicht verstanden haben oder sie nicht im Blick haben, warum und für wen die ergriffenen Maßnahmen von großer Bedeutung sind.

Auch wenn es darüber hinaus noch andere, auch junge Menschen gibt, die unseren Schutz durch Hygienemaßnahmen brauchen, weil sie unter schweren Erkrankungen leiden und bei einer Corona-Infektion ihr Leben lassen würden, geht es heute um die von uns versorgten Kunden.

Stellvertretend für diese Gruppe hat sich Frau Bendig bereit erklärt, mich und damit auch Sie, an Ihren Sorgen in diesen Zeiten teilhaben zu lassen. Wir unterstützen das Ehepaar Bendig seit März 2018. Frau Bendig hat ihren pflegebedürftigen Ehmann versorgt und wir haben sie dabei entlastet. Für Frau Bendig bedeutete das rund um die Uhr für ihren Mann da zu sein, eigene Bedürfnisse zurück zu stellen. Am 19. Februar diesen Jahres verstarb Herr Bendig, nach 59 Ehejahren. Zeitgleich brach weltweit die Pandemie aus. Für Frau Bendig fühlte es sich an, als ob sie aus voller Fahrt stoppen musste. Sie hatte nicht nur ihren Mann verloren, auch der Kontakt mit Kindern, Enkeln und Urenkeln war aus Sorge um ihre Gesundheit auf ein Minimum reduziert.

In Gedanken: Frau Bendig an ihrem Esstisch im Wohnzimmer. Foto: N. Gatz

In Gedanken: Frau Bendig an ihrem Esstisch im Wohnzimmer. Foto: N. Gatz

Familienmensch

Frau Bendig hat lebenslang viel Kontakt zu Menschen gehabt. Sie hat Familien in Haushalten unterstützt und war es gewohnt viele Menschen um sich zu haben. Ihre Leidenschaft war und ist es zu kochen. Kochen und das gemeinsame Essen hat die Menschen an ihrer Seite zusammengebracht. Bei meinem Besuch stehen dampfende Töpfe auf dem Herd und aus einer Schüssel lacht mich ein fertiger Kartoffelsalat an. Die Eier, die nur darauf warten, sich mit dem Salat zu vereinigen, liegen in einem Kochtopf.

Frau Bendig streckt mir zur Begrüßung ihre Hand entgegen, ich signalisiere ihr, dass ich – auch wenn ich wollte – die Hand nicht geben darf. Sie lacht und sagt mir: “Ach ja, kein Händeschütteln in dieser Zeit, das vergesse ich manchmal!“. Wir nehmen in ihrem Wohnzimmer Platz, an einem großen Esstisch. Die Wände in diesem Raum sind mit Bildern ihrer Familie geschmückt. Sie hat eine große Familie, viele Kinder, Enkel und Urenkel. Sie erzählt, wie viel ihr diese Bilder bedeuten, sie kann so die Menschen, die sie liebt, immer um sich haben.

Auf dem Tisch, an dem wir sitzen, liegt die Pflegedokumentation von Hilfe Daheim und die Kontaktliste, in der sich jeder Besucher einträgt. Wenn es zu einer Infektion kommt, kann so die Infektionskette nachverfolgt werden. Ich erkläre noch einmal, warum ich hier bin und wie dankbar ich bin, dass sie sich für dieses Gespräch bereit erklärt hat. Sie blickt mich an, ihr Blick ist fest und sie wirkt aufgeräumt. Sie sagt, dass sie gerne für dieses Gespräch zur Verfügung steht und wir starten.

Neue Normalität: die Kontaktliste zum nachvollziehen von Infektionsketten, neben der Hilfe Daheim Doku. Foto: N.Gatz

Neue Normalität: die Kontaktliste zum nachvollziehen von Infektionsketten, neben der Hilfe Daheim Doku. Foto: N.Gatz

Vollbremsung COVID-19

Frau Bendig, welche Einschränkungen durch die Corona-Pandemie machen Ihnen zu schaffen?

„Mir fällt es schwer, aufgrund von eigenen gesundheitlichen Einschränkungen eine Maske (Mund-Nasen-Schutz) zu tragen, ich bekomme ohnehin schon wenig Luft und da fällt mir das Tragen der Maske sehr schwer. Doch ich weiß ja, dass es nötig ist und trage sie auch.“

Wie gehen Sie damit um, wenig persönlichen Kontakt mit ihrer Familie zu haben?

„Meine Familie hält sehr eingeschränkt Kontakt zu mir, sie haben Angst, mich ungewollt anzustecken. Wenn ich sie sehe, dann ohne Umarmung, ohne körperliche Nähe und mit Abstand, das ist das Schlimmste.“ (Frau Bendig zeigt auf den großen Tisch, an dem wir sitzen.) „Wenn der Tisch ausgezogen ist, ist er auch manchmal voll! Das war vor der Pandemie…“ Sie hat eine große Familie. Mein Blick gleitet wieder zu all den Bildern mit den vielen Menschen, die ihre Familie sind. Während Frau Bendig von den Treffen mit der Familie erzählt, hat sie Tränen in den Augen und ich spüre, wie schwer das für sie ist.

Fällt es Ihnen schwer Kontakte zu meiden?

„Ich habe gar keine Lust mehr raus zu gehen, ich gehe nur noch zur Bank und zum Wochenmarkt. Auf dem Wochenmarkt tragen alle Markthändler eine Maske, Abstandslinien wurden markiert. Aber es ist nicht mehr dasselbe. Ich werde oftmals böse angeschaut, wenn mir die Maske verrutscht und ich vergesse, sie über die Nase zu ziehen.“

Ich kann mir vorstellen, dass diese kontaktfreudige Frau vor der Pandemie mit vielen Menschen ein kurzes Gespräch geführt hat, ein Lächeln an ihre Gesprächspartner. All das ist nun schwierig durch das Tragen der Maske, nicht nur, weil sie schlecht Luft bekommt.

Gibt es für Sie positive Aspekte in der Krise?

„Ja, ich bekomme so viele Hilfsangebote, von Freunden, Nachbarn, meiner Familie. Menschen sprechen mich an, ob sie mir helfen können, überwältigend so viel Menschlichkeit. Mir war anfangs nicht klar, ob es mit dem Tod meines Mannes zusammenhängt, aber mich sprechen fremde Menschen an, die nicht wissen können, dass mein Mann verstorben ist und bieten mir ihre Hilfe an.“

Während sie das erzählt, liegt ein Lächeln auf ihrem Gesicht, ein Gesicht, das von einem spannenden Leben erzählt und trotz der Situation Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt.

Ist es für Sie ein gutes oder schlechtes Gefühl, dass die Mitarbeiter von Hilfe Daheim zu Ihnen kommen? (Anmerkung: ich stelle diese Frage, weil einige Kunden in den letzten Monaten nicht von uns versorgt werden wollten, aus Angst, sich bei unseren Mitarbeitern anzustecken.)

„Nein, ich habe überhaupt keine Angst, jeder Mitarbeiter trägt ausnahmslos eine Maske, alle halten Abstand und sind sehr vorsichtig. Nein, Angst habe ich gar nicht.“

Sie erzählt mir, dass sie und ihr Mann sich früh mit dem Tod auseinandergesetzt haben. Sie habe eine Talkshow mit Frau Käßmann (Anmerkung: Margot Käßmann, Theologin und ehemalige Bischöfin) gesehen, dort ging es um Tod und Sterben und dass es wichtig sei, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das hat Frau Bendig mit ihrem Mann getan.

Sie sagt: „Wenn es sein muss, dass ich gehe, dann muss ich gehen“. Das klingt so aufgeräumt, so selbstverständlich. Vor mir sitzt eine Frau, die mit ihrem Leben im Reinen ist, sie wirkt auf mich geerdet und völlig angstfrei.

Was würden Sie sich in dieser Situation von der Politik wünschen?

„Ich würde mir wünschen, dass die Politik endlich dafür sorgt, dass Pflegekräfte anständig bezahlt werden. Was die tagtäglich leisten ist enorm. Es wäre schön, wenn das mehr gesehen würde und Pflegekräfte mehr Anerkennung bekommen würden.“

Wat mutt, dat mutt. - Verantwortung auf Platt. Foto: A. Gatz

Wat mutt, dat mutt. – Verantwortung auf Platt. Foto: A. Gatz

Zahlen, Daten, Fakten

Wir reden noch ein wenig über ihre Familie, ihre Kinder und Enkelkinder und ich bin mir sicher, dass sie von allen geliebt wird. Ihre Familie sieht Frau Bendig nicht als Risikogruppe, sondern als Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, die sie lieben und die sie schützen wollen, damit diese Frau mit dem großen Herzen noch lange ihr Leben bereichern kann. Hinter jeder Risikogruppe stehen Menschen mit eigener Geschichte, Familie, Schicksal. Machen wir uns das bewusst, dann geht es eben nicht nur um Reproduktions-, Todes- und Infektionszahlen. Aus Zahlen, Daten, Fakten werden Menschen, die geliebt und geschätzt werden und deren Verlust eine große Lücke hinterlassen würde.


Nicole Gatz

Pflegedienstleitung bei Hilfe Daheim



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