COVID-19 – Die Welt im Ausnahmezustand

Das Coronavirus hat uns alle fest im Griff, es ist ein ungutes Gefühl, unsichtbar und doch immer präsent. Obwohl ich ein Insider aus dem Gesundheitswesen bin, muss auch ich gegen die Angst ankämpfen. Doch meine Angst gilt nicht so sehr dem Virus selbst, ich habe Angst vor der Reaktion der Menschen. Die leeren Regale im Supermarkt habe ich erst einmal für eine verspätete Inventur gehalten und das fehlende Toilettenpapier in den Supermärkten bleibt mir auch jetzt noch ein Rätsel, dessen Lösung mir wohl lebenslang verborgen bleibt.

In einem Interview von einem Virologen las ich schon vorletzte Woche, wie dieser nach seinem Wochenendeinkauf verwundert feststellte, dass Dosenananas ausverkauft war. Für ihn habe es nur zwei Möglichkeiten gegeben: entweder feierte die gesamte Stadt eine Party mit Toast-Hawai oder er verstände die Welt nicht mehr. Nun sind die Regale in den Supermärkten vollends leer. Es werden Hamsterkäufe getätigt, mir ist nicht bekannt, dass Menschen als Folge des Coronavirus verhungert wären. Wenn keine Lebensmittel mehr gibt, können auch wir nicht mehr für unsere Kunden einkaufen. Kunden, die sich nicht selber versorgen können. Unsere Mitarbeiter sind teilweise doppelt so lang für einen Einkauf unterwegs, weil nichts vorhanden ist. Desinfektionsmittel werden überteuert im Internet verkauft, das Geschäft mit der Angst ist allgegenwärtig. Der Absatz von Corona-Bier bricht massiv ein, nach Angaben von „Anheuser Busch“ (AB Inev), der Brauerei hinter der bekannten Biermarke, soll der Umsatz um rund 170 Millionen Euro zurückgegangen sein.

Hamsterkäufe - leere Regale in den Supermärkten. Foto: I. Kolodziejski

Hamsterkäufe – leere Regale in den Supermärkten. Foto: I. Kolodziejski

Bitte helft uns, Euch zu helfen

Geht es nur mir so? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Glauben die Menschen, dass sie durch den Verzehr von Corona-Bier am Coronavirus erkranken? Für mich ist es ein weiterer Indikator, dass sich irrationale Angst breit macht. Der Freund meiner Tochter berichtete beim Sonntagsfrühstück von einer asiatischen Klassenkameradin seiner kleinen Schwester, mit der schon seit Wochen keiner mehr spielen will, um sich nicht zu infizieren. Kollegen aus Krankenhäusern berichten, dass immer mehr Desinfektionsmittel auf den Stationen gestohlen wird, und selbst für uns als einer der Hauptakteure im Gesundheitswesen ist es schwer, an die benötigten Materialien zu kommen. Dringend benötigter Mundchutz ist nicht vorhanden.

Wir, damit meine ich Ärzte, Pflegepersonal und deren Unterstützer, können Euch bei einer möglichen Infektion nur helfen, wenn wir uns schützen können und schützen können wir uns nur, wenn ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung steht. Bitte helft uns, Euch zu helfen! Mein Wunsch wäre in dieser herausfordernden Situation mehr Solidarität den Menschen gegenüber, die ein wirkliches Risiko tragen, den älteren Menschen unter uns und Menschen, die schon mit Vorerkrankungen zu kämpfen haben. Das sind diejenigen unter uns, die unsere Hilfe dringend benötigen.

Oberstes Gebot: Hände waschen. Hände waschen, Hände waschen! Foto: A. Gatz

Oberstes Gebot: Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen! Nadja im Badezimmer bei Hilfe Daheim. Foto: A. Gatz

Risikogruppen schützen

Da wir nun auch in Hamburg nicht länger von der mittlerweile als Pandemie eingeordneten Lage verschont bleiben, wäre es gut, wenn alle sich um die Risikogruppen kümmern würden. Das können Einkäufe für ältere Nachbarn oder Verwandte sein, damit diese gefährdete Gruppe so wenig wie möglich mit Menschen in Kontakt kommen muss. Das kann sein, dass Gebot einzuhalten zu Hause zu bleiben und andere nicht zu gefährden. Das kann aber auch die Einsicht sein, dass eine gute Händehygiene für die meisten Menschen ausreichend ist und dass die Desinfektionsmittel und Schutzbekleidung den Helfern und Risikogruppe zur Verfügung stehen müssen.

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich bei allen Kassiererinnen zu bedanken: ich bewundere Euch für Eure Arbeit und dass Ihr trotz der teilweise schockierenden Szenen jeden Morgen zur Arbeit kommt. Danke, auch an alle Angehörige und Kunden, die uns in dieser schweren Zeit mit guten Worten, Entlastungsangeboten und dem ein oder anderen Pfund Kaffee unterstützen. Dem „besten Team der Welt“ und allen Pflegekräften da draußen, gilt mein besonderer Dank: Ihr seid einfach großartig! Das wusste ich schon immer, aber nun versteht es langsam die ganze Welt!

Ich wäre glücklich, wenn nach der Angst Mitgefühl, Einsicht und rationales Handeln die Überhand gewinnen und wir diese Herausforderung als Solidargemeinschaft meistern würden!


Nicole Gatz

Pflegedienstleitung bei Hilfe Daheim



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